Opensim – das 3DWeb rückt näher

Wer heute die virtuelle Welt von SecondLife betritt, findet eine erstaunlich umfassende Simulation der realen Welt vor. Wie ist es dazu gekommen und wo geht die Reise hin? Ein Rück- und Ausblick.

Ein Besuch in der Matrix

Wer heute die virtuelle Welt von SecondLife betritt, findet eine erstaunlich umfassende Simulation der realen Welt vor. Man bewegt sich (rsp. seinen Avatar, also das virtuelle Pendent der eigenen Person) durch dreidimensionale Stadtviertel von New York oder Wien, nur einen Klick weiter befindet sich der Besucher je nach Interesse inmitten eines Livekonzerts, einer Kunstausstellung oder eines utopischen Lustgartens. Auch dem eigenen virtuellen Erscheinungsbild wird viel Wichtigkeit beigemessen – von lässigem Jeanslook über Abendgarderobe, Accessoires wie kunstvolle Schmuckstücke oder Tatoos ist alles in erstaunlicher Qualität und Detailgetreue vorhanden. Wie ist es dazu gekommen?

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SecondLife

Den Versuch, virtuelle Welten zu schaffen, gibt es wohl seit es Computer gibt. Ich mag mich noch gut erinnern, wie uns in den frühen 90ern (also vor Web und E-Mail) für die ersten textbasierten Multi-User Spiele (MUDs) begeisterten. Damals besetzten wir Kantischüler regelmässig die Terminals der Uni-Computerräume, um uns per Telnet in die Welt von Loch Ness einzuloggen und mit Studenten aus aller Welt gemeinsam Rätsel zu lösen oder fiese Monster zur Strecke zu bringen. Besonders interessant dabei war die Möglichkeit, ab einer gewissen Erfahrungsstufe den Spielinhalt selber mitgestalten und neue Gegenden, Kreaturen oder Rätsel einbringen zu können.

15 Jahre später gibt es eine Fülle von hochentwickelten virtuellen Realitäten, welche mit exzellenter 3D-Grafik und ausgereiftem Handling um die Gunst der Besucher buhlen. Während die meisten grossen Plattformen wie Ultima Online & Co. einen Sinn mitliefern, also z.B. ein Spiel oder eine Handlung, ist Second Life von Natur aus völlig frei. Jeglicher Inhalt wird von den Besuchern selbst erstellt. Diese Freiheit ist mit jener im WWW zu vergleichen – die Basistechnologie ist vorhanden, darauf aufbauend produzieren Private wie Firmen Inhalte und Anwendungen.

Dieser offene Verwendungszweck wurde von Linden Labs (den Betreibern von Second Life) gepaart mit Entwicklertools sowie einem robusten Zahlungsystem. Diese geniale Kombination hat Tausende von kreativen Köpfen dazu bewogen, in Second Life Inhalte zu entwickeln: Von Designer-Schuhen über elegante Häuser zu luxuriösen Jachten ist alles zu haben. Aber auch Bürogebäude, interaktive Meetingräume oder E-Learning Tools sind im Angebot. Die Güter werden auf virtuellen Märkten in der Währung Linden Dollar  (aktuell 1 US$ = ca. 240 L$) gehandelt. Dabei gibt es auch Wiederverkäufer und Franchisingunternehmen, Immobiliengesellschaften, Bauunternehmer etc., sogar (virtuell) börsenkotierte Unternehmen, in welche Investoren investieren können und deren Aktien auf der virtuellen Börse gehandelt werden.

Nach wie vor jedoch wird diese “Matrix” alleinig von der Firma Linden Labs betrieben, was in vielerlei Hinsicht das Wachstumspotential einschränkt. Um eine Präsenz aufzubauen, mietet man virtuelles Land (rsp. technisch gesprochen Computerressourcen im GRID der Linden Labs). Eine wirklche Investitionssicherheit gibt es keine (man stelle sich vor, das Internet gehörte einer einzelnen Firma).

OpenSim

Im 2007 hat sich Linden Labs entschieden, ihre Second Life Client Software als Open Source zur Verfügung zu stellen. Darauf aufbauend entstand das OpenSimulator, kurz OpenSim Projekt. OpenSim verfolgt das ehrgeizige Ziel, eine umfassende und offene GRID-Plattform zur Verfügung zu stellen, also die Serverseite oder das “Gehirn der Matrix”. Noch im selben Jahr ging der erste OpenSim Server testweise ans Netz, inzwischen sind verschiedene sogenannte Hypergrids entstanden, welche einzelne Regionen und Simulatoren zu einem Netz zusammenschliessen.

Damit ist es nun möglich, selbst einen Simulator, also einen Server für eine virtuelle Region, zu betreiben und an das öffentliche Netz anzuhängen. Genau diese Möglichkeit, dezentral das World Wide Web zu erweitern, hat diesem überhaupt die Möglichkeit zum explosionsartigen Wachstum gegeben. Mit dem OpenSim Projekt geht man deshalb denselben Weg, auch wenn die Herausforderungen einer virtuellen 3D Welt sehr viel höher sind. Kleines Beispiel: Man überlege sich, wie man in einer nahtlos durchgängigen Welt von einer Region (man befindet sich auf Server A) in die Nachbarregion blickt (welche auf Server B einer anderen Firma liegt).

Noch nicht gelöst ist die Frage der Oekonomie in OpenSim: Im geschlossenen Netz von Second Life fungiert der Linden Dollar als einheitliche Währung, wie jedoch soll eine betreiberübergreifende Währung inkl. sicherer Transaktionen in einem offenen Netz gestaltet werden?

Die OpenSim Software ist denn auch noch im frühen Entwicklungsstadium (Alpha Release), trotzdem aber schon stabil genug, um viele Entwickler anzulocken und auch erste kommerzielle Projekte zu starten.

Business Projekte

Die Stärke von virtuellen Welten liegt neben den Visualisierungsmöglichkeiten v.a. in der Immersion, also der Möglichkeit, den Besuchern eintauchen und mit anderen Besuchern interagieren zu lassen. Die ersten professionellen Anwendungen kommen daher auch aus den Bereichen E-Learning, Forschung sowie Kommunikation.

Ohio University – eine der ersten Universitäten mit virtueller Campus

Forschung und Lehre in Second Life

IBM Sametime 3D

IBM integriert seine Kollaborationssoftware “Sametime” mit OpenSim und schafft so virtuelle Meetingumgebungen als Arbeitsinstrument

Marken- und Produktpräsentation

Möglichkeiten für Marken- und Produktpräsentation (präsentiert von einer PR Agentur)

Aussichten

Viele Firmen haben sich in SecondLife versucht und aufgrund mangelnder Erfolge wieder aufgegeben. Erfolgschancen haben jene Projekte, welche die spezifischen Vorteile einer 3D Welt nutzen: Visualisierung, Immersion und Echtzeit-Interaktion mit anderen Besuchern. Second Life ist zweifelsohne die bisher erfolgreichste Plattform für professionelle Projekte, sie leidet jedoch unter einem Skalierungsproblem: Die gesamte Plattform gehört einer Firma, dezentrales Wachstum ist nicht möglich und die Datenhoheit verbleibt letztlich bei Linden Labs.

OpenSim profitiert dank seiner (weitgehenden) Kompatibilität zu Second Life von dessen Vorsprung in Technologie, Inhalt und Bekanntheit. Die Möglichkeit, mit wenig Aufwand selber OpenSim Server betreiben und an ein globales Netzwerk (Hypergrids) anzuhängen, gepaart mit dem freien Zugang zum Source Code von Client- wie Server-Software bietet viel Potential für ein exponentielles Wachstum. Noch ist die Software im Alpha-Stadium, jedoch zeigen Projekte wie die IBM Sametime / Opensim Integration, welches Potential für professionelle Anwendungen schon jetzt in OpenSim steckt. Wir dürfen gespannt sein, was uns diese Technologien für neue Möglichkeiten eröffnen werden.

Interessiert?

Sie möchten die Möglichkeiten für Ihr Unternehmen evaluieren? Oder Sie haben bereits eine konkrete Idee? Wenden Sie sich an uns – insign zählt zu den ersten Agenturen der Schweiz mit Know-how im Aufbau von Präsenzen in virtuellen Welten von SecondLife oder OpenSim.

Weiterführende Informationen

  • Ein Artikel des Tagesanzeiger über Lernen im virtuellen Klassenzimmer.
  • Diese umfassende Studie (PDF) vergleicht virtuelle Welten und stellt viele professionelle Anwendungen und Projekte vor.

Von Martin BachmannMartin Bachmann auf FacebookMartin Bachmann auf Google+Martin Bachmann auf Twitter Autoren-Webseite anschauen

Mitgründer und CTO @insigngmbh, Initiant von @android_schweiz, Android Evangelist und jetzt auch Papi.

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